Aus dem Kapitel "Große Füße, kleiner Kopf"
(Seite 184)
ROBERT GÖRL: Dann
haben wir uns von heute auf morgen entschlossen: Wir gehen nach
England! Zack! Wir wussten nicht mal, wo wir in England wohnen
sollten.
GABI DELGADO: Unser Konzept war: Keine Angst! Und deshalb: ab nach
England. Auch aus dem Gedanken: Hier checkt uns eh keiner.
FRANZ BIELMEIER: Gabi
war zu der Zeit mein bester Freund. Er und Robbie sind mit dem Grundkonzept
von DAF in einer Kladde zu mir gekommen und haben gefragt, ob ich
mitmachen möchte. Ich war Feuer und Flamme. Aber ich konnte nicht
... ich wäre aber gerne ... Heike war damals hochschwanger. Und
dann war Gabi ganz schnell aus meinem Leben verschwunden. Die haben
einen kleinen deal in London klargemacht. Und innerhalb einer Woche
waren die weg.
MICHAEL KEMNER: Wir sind
nach England, weil wir wieder einen Schritt weiter gehen wollten.
Unser Geldgeber und Manager war Bob Giddens. Der war Engländer
und hatte dort auch noch ein paar Beziehungen. Aber der hat gearbeitet.
In Quakenbrück in einer Fahrradfabrik hat er sich Geld gespart.
PYROLATOR: Bob war
dort Akkordarbeiter. Und das Geld, das er sich da mühsam verdient
hat, hat er der Band zur Verfügung gestellt. Er war nur so blauäugig,
dass er keinen Vertrag gemacht hat.
CHRISLO HAAS: Wir haben
vor England in einer alten Fabrik in Düsseldorf die Stücke
eingeübt. Ich hatte meinen VW-Bus, in dem ich wohnte. Ich habe
ja jahrelang in Autos gewohnt. Mit dem sind wir dann nach England
gefahren.
MICHAEL KEMNER: Wir haben
in London in so einem Keller gewohnt. Alle fünf Leute zusammen
in einem Raum mit Küche. Wir haben da gewohnt, gegessen und Musik
gemacht.
WOLFGANG SPELMANNS:
Das waren nur ein paar Pritschen in einem Raum. Keiner hatte die Möglichkeit
sich zurückzuziehen.
ROBERT GÖRL: Das war
ein harter Film, den wir da durchgezogen haben. Das war wirklich so:
Ich gehe nach Hollywood, muss da aber erst mal Teller waschen. Ich
habe echt Teller gewaschen. Es blieb mir auch nichts anderes übrig,
als dass ich mir die Finger beim Tellerwaschen aufschneide, in irgendeinem
Grindelrestaurant. Wir hatten ja kein Geld.
MICHAEL KEMNER: Es zeigte
sich, dass jetzt unbedingt Erfolg her musste. Vor allem Robert war
sehr verbissen. Bei dem war alles immer auf die Musik bezogen. Er
konnte gar nicht mehr abschalten. Oft saß er am Tisch und hat
nur noch vor sich hin gestarrt. Und wenn man ihn gefragt hat: »Robert,
was ist denn los?« meistens hat er wieder darüber
nachgedacht, wie die Struktur der Musik auszusehen hat. Oder das Styling.
ROBERT GÖRL: Ich wollte
dauernd was machen. Ich hatte wahnsinnig viel Energie. Ich wollte
immer nach vorne. Ich wollte nach vorne rennen und die ganze Welt
bekommen.
WOLFGANG SPELMANNS:
Robert und Chrislo haben viele, viele Nächte zusammen an den
Synthesizern gearbeitet. Chrislo hatte seinen MS-20 in der Küche
aufgebaut. Der schlief da sogar hatte also sein Equipment unmittelbar
neben dem Bett stehen. Fast jede Nacht, Stunden um Stunden, liefen
diese Kisten. Er hat in den Strukturen immer wieder Dinge völlig
gekippt und weggeschmissen. Und fing wieder bei null an. Und dieser
MS-20 ist halt vom Sound her sehr aggressiv. Und kann tödlich
abnerven. Ich habe oft kein Auge zugemacht.
...
Aus dem Kapitel
"Koks-Vampir"
(Seite 225)
ALFRED HILSBERG: Ich
habe DAF damals in England besucht, als die im Studio waren. Da haben
sie mir zum ersten Mal das Album vorgespielt: Die Kleinen und die
Bösen. Das war für mich ein unglaublicher Kick. Das war
so was von einem Traum von Musik. Ich konnte mir bis dahin gar nicht
vorstellen, dass eine deutsche Band so gut werden könnte. Ich
merkte, dass das die Realisierung des Traums war, den sie so lange
verfolgt hatten.
ROBERT GÖRL: Wir hatten
ziemlichen Erfolg in England. Obwohl die Engländer nicht mal
unseren Namen aussprechen konnten. Für die waren wir einfach
D-A-F. Aber die waren schon interessiert, dass das German-American-Friendship
bedeutete. Dass es dann aber Berührungspunkte mit Skinheads gab
das lag nicht an Assoziationen mit solchen Wörtern. Wir
haben einfach so viel mit Energie gearbeitet das ging gar nicht
anders, als dass da militärische Kräfte auf uns zukamen.
Auf einmal tauchten eben Jungs in unserem Publikum auf, die auf wahnsinnige
Power standen. Und die hatten kahl geschorene Köpfe.
Wir hatten mal einen Auftritt in Middlesbrough. Das war das Härteste,
was ich je erlebt habe. Middlesbrough ist eine volle Industriestadt,
in so einer Art englischem Ruhrgebiet.
GABI DELGADO: Da stand
das Atomkraftwerk mitten in der Stadt, hähä. Direkt am Hafen.
Das fand ich sehr konsequent.
ROBERT GÖRL: Wir fuhren
da ganz alleine hin. Und dann kam echt die große Überraschung.
Als wir zum Soundcheck zur Halle gingen, haben schon 100 Skinheads
auf uns gewartet. Wir waren von Skinheads gebucht worden. Das war
ein Skinclub. Aber wir waren nicht so drauf, dass wir den Schwanz
einziehen. Es war genau andersherum: Heute geben wir Gas!
Wir sind dann wieder ins Hotel, und als wir abends zurückkehrten,
war die ganze Halle gesteckt voll mit 700, 800 Skins. Man konnte die
Vibrationen richtig greifen. Das war klar: Wir dürfen jetzt wirklich
nur noch Gas geben. Denn wenn wir das nicht tun, sind wir verloren.
Dann gab es einen hammermäßigen Auftritt. Wir kamen auf
die Bühne und wir waren dort nicht alleine. Der Anführer
der Skins stand mit verschränkten Armen powermäßig,
breitbeinig auf der Bühne und meinte: »Come on,
guys.« So: Jetzt wollen wir mal sehen. Entweder ihr bringt
es oder wir machen zuerst euch platt und dann euer Equipment.
Wir haben so reingedroschen! Ich habe auf mein Schlagzeug mit so einer
Wucht geschlagen, und Gabi hat seine deutschen Texte so rausgeschrien
...
GABI DELGADO: Da war
so eine Hölle. Nur Skins. Und der oberste Führer von denen
auf der Bühne. Wir starteten mit »Gewalt«. Das fanden
die ziemlich seltsam. Die haben ja nur Ska gehört. Dann haben
wir »Kebabträume« mit diesem Refrain Deutschland,
Deutschland, alles ist vorbei gespielt. Und dann schwenkte das
um. Plötzlich nur noch »Deutschland! Deutschland! Sieg
Heil!«. Dann kam »Mussolini« mit der Adolf-Hitler-Zeile.
Da standen die alle wie eine Eins, haha. Und der Führer die ganze
Zeit mit uns auf der Bühne. Wie so eine Art Zensor. Das hat mir
gefallen. Aber das war natürlich superwild. Die haben sich geprügelt
wie die Tiere!
ROBERT GÖRL: Dann
waren die voll drauf. Die haben nur getanzt und sind gesprungen. Und
nachdem der Anführer gemerkt hat, dass wir so richtig Schub geben,
ist er von der Bühne gesprungen und hat uns spielen lassen. Wäre
es nicht so gewesen, hätte er seine Jungs raufgewunken. Ich habe
dann von anderen Engländern gehört, dass die Middlesbrough
kannten. Und auch diese Halle. Da war es schon oft passiert, dass
eine Band, die es nicht brachte, einfach platt gemacht wurde. Da hatte
keine Gitarre noch einen Hals, da stand kein Verstärker mehr.
Nichts. Das war kein Spaß. Und das war auch keine Show mehr.