Vorwort zum Buch
von Jürgen Teipel
Es muss Anfang
1979 gewesen sein, da hörte ich in meiner verschlafenen Kleinstadt,
dass Punks einfach in Müllsäcken stecken. Sauber, glatt
und total modern. Das gefühlsmäßig graue Leben rechts
und links konnte dem abgepackten Menschen nichts anhaben. Er war abwischbar.
Ich hielt das für eine gute Idee.
Auch dass man einfach so mitmachen konnte. Man musste nur anders sein.
Dass durch diesen Trick irgendwann nicht mehr viel übrig bleibt
außer genauso zu sein, wie alle anderen, die anders sind
, das ahnte ich zwar, aber ich beschäftigte mich lieber
damit, meine Kleidung zu verfremden oder fremdes Eigentum zu demolieren.
Und anstatt mich mit clever ausgefüllten Formularen für
eine endgültige Übernahme im mittleren, nichttechnischen
Verwaltungsdienst zu empfehlen, bastelte ich mir einfach eine neue
Identität teils wie ich gerne gewesen wäre, teils
wie ich damals wohl wirklich gewesen sein muss und stellte
sie in meinem eigenen Fanzine zur Schau.
Das war toll. Aber es war nie genug. Ich hatte zwar auf einmal mit
Leuten zu tun, die unvorstellbar coole Sachen machten. Aber sie alle
konnten, genau wie ich, ihre alte Identität nicht ganz und gar
abstreifen. Man war nicht zu dem neuen Menschen geworden, für
den man sich gerne ausgab. Ich hatte immer das Gefühl, über
Äußerlichkeiten definiert zu werden und gerade noch mal
davon gekommen zu sein. Ich hatte ja keine Ahnung, dass es den anderen
ähnlich ging. Man redete ja nicht über solche Dinge.
In Düsseldorf erzählte mir Tommi Stumpf vom KRIMINALITÄTSFÖRDERUNGSCLUB
stattdessen seine tollsten Actionabenteuer von Sex auf dem
Billardtisch, Sex hinten im Lieferwagen und dass man als Zuschauer
beim KFC gute Aussichten habe, als Entgelt für das Eintrittsgeld,
eine Gitarre über den Kopf gedonnert zu bekommen.
In Berlin war ich oft richtig eingeschüchtert, weil Gudrun Gut
und Bettina Köster von MALARIA zwar irgendeinen Narren an mir
gefressen hatten, aber ich nie wusste, warum eigentlich. Auf der anderen
Seite konnten sie nämlich mehr oder weniger vernichtend selbstbewusst
wirken.
In Hamburg erlebte ich einmal den völligen Zusammenbruch eines
weiteren Protagonisten dieses Buches. Und da man damals eben immer
freundlich auf Distanz zueinander ging, waren wir weit genug voneinander
entfernt, dass ich mich einfach im nächsten Actionabenteuer wähnte.
Ich musste mir erst von einem alten Hippie wie Alfred Hilsberg sagen
lassen: »Hey, das ist überhaupt nicht lustig. Das hätte
auch anders ausgehen können.«
Das war einer der Gründe, warum ich, in den nächsten knapp
20 Jahren, nur mit ihm hin und wieder zu tun hatte. Nicht, dass ich
mit den ursprünglichen Ideen von Punk nichts mehr anfangen konnte.
Im Gegenteil. Ab Mitte 1980 lief ich zwar meistens in schicken New-Wave-Anzügen
herum. Aber das war alles nur Ausdruck jener für mich aus dem
Punk stammenden Geradlinigkeit, mit der ich meinen neuen Weg weiter
ging. An der Erreichbarkeit des Zieles »Schriftsteller«
hatte ich nie unüberwindbare Zweifel. Dieses »Jeder kann
es« des Punk bestimmt mich bis heute.
Dass es mit meiner Abschottung aber auch um etwas anderes ging, wurde
mir erst klar, als ich in dieses Buch schlidderte. Schon auf meine
ersten Überlegungen hin gab es so viel Zuspruch, dass auf einmal
sogar das Geld da war, um mit der Arbeit anfangen zu können.
Aber eben auch dasselbe alte Gefühl, nicht zu genügen.
Nach den ersten Interviews merkte ich allerdings, dass sich viel geändert
hatte. Bei mir und bei den anderen. Alle hatten inzwischen erfahren,
dass man eben nicht abwischbar war. Bewusst oder nicht. Und je nachdem
hatte ich es mit positiven, mehr oder minder erfolgreichen Menschen
zu tun, die auch entsprechend reflektieren konnten, oder mit Leuten,
die aus ihrer Tüte heraus mufflige Ansprachen hielten und sich
an nichts erinnern konnten oder wollten.
Oft war ich der Verzweiflung nahe. Aber viel öfter habe ich Erstaunliches
dazugelernt. Ich meine damit weniger, dass so langsam ein Querschnitt
durch eine ganze Generation entstand. Eher sah ich auf einmal die
feinen Unterschiede. Worin sich die Teile einer scheinbar homogenen
Bewegung schon damals unterschieden hatten. Und wodurch sie sich dann
auch unterschiedlich entwickelten.
Ich erkannte, dass die Möglichkeiten, das eigene Leben zu gestalten,
vielfältig sind. Und dass es viel zu entdecken gibt. Dass eben
nicht alles egal ist, wie manche Punks noch heute behaupten.
Wegen des Einfallsreichtums, den sie dabei an den Tag legen, wollte
ich solche Ansichten allerdings auch nicht unterdrücken. Nach
über 1 000 Stunden Interviews bestand meine Hauptaufgabe zwar
in der Auswahl des Wesentlichen. Aber wesentlich war auch die persönliche
Wahrheit. Es stellte sich immer mehr heraus, dass ich mir durch meine
Herangehensweise erst gar nicht anmaßen musste, in irgendeiner
Weise repräsentativ zu sein oder Punk gegenüber Hippietum
oder Techno zu rehabilitieren. Letztlich stelle ich einfach 100 verschiedene
Wahrheiten zur Verfügung und überlasse es dem Leser, selbst
zu entscheiden, wovon er sich angesprochen fühlt.
Dabei hat es sich auch als hilfreich erwiesen, dass ich auf alte Interviews
oder andere bestehende Quellen völlig verzichtet habe. Bis auf
zwei Leute, mit denen ich nur telefonieren konnte, habe ich alle persönlich
getroffen.
Mit anderen Worten: Ich war selber Schuld, am Ende 1 200 Interviewseiten
abtippen zu müssen, um halbwegs den Überblick zu behalten.
Aber es hat sich gelohnt. Und dafür möchte ich allen danken,
die sich mir in diesen dreieinhalb Jahren anvertraut haben. Ich hoffe,
ich kann mit diesem Buch etwas davon zurückgeben.